Menu
Menü
X

Zwischenruf: Die Schöpfung wird verheizt

von Pfarrer Thomas Camphausen

Grüß Gott, liebe Gemeindemitglieder 

(c) Pixabay LizenzKorb mit Äpfeln
Korb mit Äpfeln

Vor einigen Jahren brachte ich in die 4. Grundschulklasse einen Korb voller Äpfel in den Unterricht mit. Wir sprachen über das Thema Schöpfung. Im Stuhlkreis wanderte der Korb herum. Wir aßen Äpfel.

Aus Scherz fragte ich: „Sterben Äpfel auch?“ Für einen Moment herrschte verdutztes Schweigen. Dann sagte Vera: „Das geht doch gar nicht“ – Philipp entgegnete „Doch, wenn sie vom Baum gepflückt werden“. Freder rief rein „oder wenn sie vom Baum fallen“.

Lena meldete sich: „Äpfel können nicht sterben, aber letztes Jahr ist im Sommer die Buche in unserer Straße vertrocknet. Die ist gestorben“. Friedrich widersprach: „Bäume können nicht sterben“. Lena entgegnete: „Meine Mama sagt, es hat nicht genug geregnet diesen Sommer. Wir hätten sie gießen sollen“

Die Klimakrise ist nicht nur in Lenas Straße angekommen, sondern zeigt sich auch  in gelblich-braunen Rasenflächen in heißen Sommermonaten. In Deutschland hat ein massenhaftes Baumsterben eingesetzt. Folge des Beginns der Klimakrise. Dies zeigt das Beispiel des Jägersburger Waldes im hessischen Ried. Hier findet niemand mehr Waldeinsamkeit, frische, kühle Waldluft oder den deutschen Märchenwald. Fotos erinnern eher an Brandrodungen im Amazonasgebiet. Das liegt daran, dass seit den 50-ziger Jahren systematisch dem Ried das Oberflächen- und Grundwasser entzogen wurde. Die Haushalte in Frankfurt werden so mit Frischwasser versorgt. 220 Millionen Kubikmeter Wasser spülen die Industrieanlagen aus den Wäldern im Rhein-Main-Gebiet und fließen in Küchen und Bädern in Frankfurt und Darmstadt aus den Hähnen.

30.000 Hektar Wald und Forst zählen noch heute zum Hessischen Ried. Mittlerweile sind 10.000 Hektar vertrocknet. Damals vertrockneten die Erlen, Ende der 1970er Jahre. Zehn Jahre später starben die Buchen, schließlich verdorrten die tief wurzelnden Eichen, jetzt selbst die Birken.

Vom einst intakten Jägersburger Wald mit 250 Jahre alten Baumriesen ist hier, bis auf ein paar Pilze und Farne nicht mehr viel übrig geblieben. Eine Horrorlandschaft, wie nach einem Atomkrieg, bemerkte eine Spaziergängerin.

(c) Michael SteinhauerWald bei Darmstadt
Wald bei Darmstadt

Jetzt machen sich die Folgen eines Lebensstil bemerkbar, der die von Gott geschenkte Schöpfung regelrecht verheizt. Dabei wird gnadenlos alles, was die Natur zu bieten hat, zu Geld gemacht und verkomsumiert.

Viele verdrängen die Folgen des Klimawandels. Und es ist ein tödlicher Kreislauf. Die Mehrheit in der Bevölkerung unterstützt seit Jahrzehnten Parteien, die nur wenig für den Umweltschutz teilweise blockierten. Das Pariser Klimaschutzabkommen wurde in den Sonntagsreden der Politiker gelobt. Umgesetzt wurde wenig. Es ist bitter zu sehen, dass die Corona-Pandemie in diesem Jahr teilweise für das Erreichen einiger Klimaziele gesorgt hat. „Mangelnden politischen Willen“ beobachtet Heike Hofmann bei der schwarz-grünen Regierungskoalition. Sie ist Vizepräsidentin des Hessischen Landtags und SPD-Abgeordnete mit Wahlkreis im Hessischen Ried. Das sehen auch die Na­tur­schützerIn­nen vom BUND Hessen so.Und damit alles so weiter bleibt, besteht auch für die Parteien kein Anlass zu einem wirklichen Umschwenken. Denn welcher Politiker will schon seine Wählerschaft verlieren. Wir sitzen alle noch gemütlich im selben Zug. Wir wissen in welche Katastrophe wir reisen und niemand zieht die Notbremse. Nur Wenige sind bereit zu verzichten und den Lebensstil zu ändern. Bleibt die Hoffnung, dass sich viele den Umweltverbänden und Fridays for future anschließen und Massendemonstrationen beginnen. Doch sobald die Coronapandemie vorbei ist, wird die Schöpfung weiter verheizt. Dafür bringt sie die Hitze im Sommer zurück – mit allen negativen Folgen. Diejenigen, die vor 2040 sterben, werden die Katastrophen nicht mehr miterleben. Sie sind jetzt an der Macht. Ihre Parteien wollen wieder gewählt werden. Warum sollte sich also etwas ändern?

Ihr Pfarrer Thomas Camphausen

top