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Angedacht: Angst, Schirm und Schutz - Frühsommer 2022

Es regnet. Die Frau, die vor mir hergeht, spannt einen großen weißen Schirm auf. Als sie ihren Weg fortsetzt, sehe ich, dass der Schirm einen dunkelblauen Aufdruck hat. Ich versuche zu entziffern: „Unter Deinem Schirmen." Merkwürdiger Werbetext. Macht doch gar keinen Sinn. Irgent etwas stimmt da auch nicht mit der Grammatik. Außerdem fehlt die Marke. Für wessen Schirm wird denn hier geworben?


Am Abend, zu Hause, Musik im Radio. Ein Chor singt. Etwas von Bach. Aha, die Motette „Jesu, meine Freude". Und plötzlich fällt mir die Frau mit dem Schirm wieder ein. Ja, natürlich,

das ist es: „Unter deinem Schirmen ...” ist ein unvollständiges Zitat aus der zweiten Strophe des Liedes „Jesu, meine Freude" (Evangelisches Gesangbuch Lied 396)


Eine Erzählung kommt mir in den Sinn. Von einer Mutter, die mit ihrem Kind betet. Einem zitternden Kind, das nicht schlafen kann, weil es Angst vor Luftangriffen hat, Luftangriffe auf die Stahlstadt Essen im Jahre 1942. Niemand kann ihm versprechen, dass es heute Nacht keine Angriffe geben wird. Aber die Mutter versucht, der kleinen Seele auf andere Weise Ruhe zu geben.

„Unter Deinem Schirmen", betet sie mit dem Kind, „bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei." „Wirklich?”, fragt das Kind. Und dann auch noch: „Kennt der liebe Gott denn die Engländer?”

Das Wort „Feinde“ aus dem Lied verbindet sich für das Kind sogleich mit dem Begriff „Engländer”.

Die Mutter hält kurz inne: „Natürlich kennt Gott auch die Engländer. Er liebt sie, wie uns. Und die englischen Kinder haben genauso Angst vor unseren Bomben wie wir vor ihren."

Dann betet sie weiter: „Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern. Mir steht Jesus bei. Ob's mit Macht gleich blitzt und kracht ...” Das Kind ist beeindruckt, wie realistisch da vom Krieg gesprochen wird. Denn das kennt es, das Blitzen und Krachen, dieses Welt-Erzittern, das einem die Kehle zuschnürt vor Angst. Es ist froh, dass das Gebet davon redet. Es fühlt sich auf einmal ernst genommen in seinem Kinderleben im Krieg.


Als die Mutter dann bei der dritten Strophe angekommen ist und mit den Worten schließt: „Gottes Macht hält mich in Acht, Erd’ und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen", da wickelt sich das Kind in diese Worte ein wie in eine Sicherheitsdecke und kann schlafen.

Es gibt Situationen im Leben, in denen kein Mensch mehr helfen kann. Sei es bei einer schweren Krankheit zum Tode. Sei es wenn jemand im Sterben liegt. Sei es, wenn ein Krieg begonnen wurde den niemand beenden kann. Dann wenden sich manche Menschen der Transzendenz zu. Sie bringen ihre Situation in eine Wirklichkeit, die über der vorfindlichen befindet. Sie entwickeln Träume, wie es anders sein kann. Sie lassen Visionen vor ihrem inneren Auge entstehen oder wenden sich an eine überirdische Instanz wie Gott. Sie suchen Trost, indem sie ihr Leiden vor Gott bringen. Sie hoffen auf ein Leben über den Tod hinaus. Sie beten zu Gott um Frieden.


Das Lied „Jesu meine Freude” ist mehr als 300 Jahre alt und bis heute Bestandteil des Evangelischen Gesangbuchs. Geschrieben hat es 1653 ein Johann Franck, Ratsherr und Bürgermeister in der Niederlausitz. Er kannte die Schrecken der Bombennächte seitdem 20. Jahrhundert nicht, er kannte die Schrecken des 30-jährigen Krieges. Und damit die Bedrohung für Leib und Leben genauso, wie wir heute. Menschen sind zu allen Zeiten und in allen Zusammenhängen auf der Suche nach Schutz und Schirm. Das fängt beim Regenschirm an und hört bei militärischen Radarschirmen noch lange nicht auf. lm Tiefsten wissen wir freilich, dass all unsere großen und kleinen Abschirmmaßnahmen vergeblich sind. Das Böse, Leiden und Tod werden wir nicht los. Und da kommt so ein Ratsherr aus der Niederlausitz oder auch ein Johann Sebastian Bach, und sie setzen sich vor unseren Augen unter den Schirm des Höchsten!

Unter dem Schirm Gottes hat Angst lösende Macht.


Gesprächsangebot: Wenn Sie während der Zeit des Krieges in Ukraine und der Corona-Erfahrungen einen Gesprächspartner suchen, wenden Sie sich an Pfarrer Camphausen für eine Terminvereinbarung: 0170 83 21 193.





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