Glauben ist wie Atmen. Ja, ich denke, dieses Gleichnis passt: Glauben ist wie Atmen.
Das können Sie auch sofort und selber merken - oder eben auch nicht.
Denn meistens merkt man von beidem nichts. Beides geschieht unbewusst, obwohl es eigentlich lebenswichtig ist: Aber, wenn Sie jetzt genau darauf achten, merken Sie vielleicht doch was!
Denn das ist mit dem Atmen ja genauso wie mit dem Glauben: Natürlich glauben Sie, auch wenn Sie es nicht immer ganz bewusst tun. Wie Sie ja auch immer weiter atmen, ohne darüber nachzudenken. Wobei Ausnahmen auch diese Regel bestätigen. Denn es gibt ein paar Momente, wo man beides doch sehr genau spürt: den Atem genau so wie den Glauben. Das fängt schon ganz früh an: schon beim allerersten Atemzug. Wer jemals die Geburt eines Kindes miterlebte und dessen ersten Atemzug, hat dabei auch etwas von Gott gespürt. Beim letzten Atemzug ist es genauso: Wer jemals dabei war, wie ein Mensch stirbt und seinen Atem aushaucht, hat auch dabei etwas von Gott gespürt. Diesen letzten Atemzug werden wir alle auch selber einmal tun. Aber davor wird es wohl noch ein paar andere Situationen geben, in denen wir erstaunt die Luft anhalten - voller Angst oder voller
Freude und in denen wir laut aufstöhnen unter der Last oder der Lust des Lebens. Situationen, in denen wir nach Luft schnappen, weil wir kaum glauben können, was wir da erleben müssen oder erleben dürfen. Wer in solchen Situationen nicht nur auf die Sauerstoffzufuhr achtet, kann sich vom Atem zeigen lassen, was im Leben wirklich wichtig ist. Denn nichts im Leben ist so ehrlich und so intim wie der Atem: Das gilt für den eigenen Atem wie für den eines anderen Menschen.
Kaum etwas ist so unkontrollierbar wie das Ein- und Ausatmen. In der Bibel ist der Atem sogar ein Zeichen für den Geist Gottes. Glauben ist wie Atmen - also holen Sie einmal tief Luft für diesen neuen Tag!
Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. 1. Mose 2,7
Pfarrer Thomas Camphausen
Glauben ist wie Segeln. Ja, ich denke, dass dieses Gleichnis passt: Glauben ist wie Segeln. Na toll, denken Sie jetzt vielleicht. Wenn Glauben wie Segeln ist, dann ist bei mir gerade Flaute.
Denn bei mir geht im Glauben nichts voran. Irgendwie dümpele ich immer auf der gleichen Stelle herum. Da weht noch nicht einmal ein laues Lüftchen.
Und was hilft dann weiter? Rudern vielleicht? Vielleicht haben Sie das auch schon versucht. Das heißt: Sie strengen sich wahnsinnig an, irgendwo doch noch glauben zu können, irgendwie doch noch einen Sinn im Leben zu entdecken.
Aber wie das beim Rudern manchmal so ist: Man zieht und drückt und powert mit aller Kraft -und kommt doch kaum von der Stelle.
Auch ein Meditationskurs am Wochenende oder das tägliche Gebet als Bodybuilding für den Glauben helfen nicht mehr weiter: Krampfhaftes Rudern bringt die Seele eben nicht in Schwung.
Im Gegenteil: Die Seele bekommt auch noch 'nen Krampf, wenn sie unter Druck gesetzt wird. Also doch lieber wieder mit der Seele segeln gehen. Die Langsamkeit in Kauf nehmen und versuchen, eine Flaute auszuhalten - und vielleicht sogar auszunutzen für eine Pause.
Einmal ohne Hektik und Leistungsdruck die Seele baumeln lassen - und vielleicht das erste Mal merken, dass man überhaupt eine Seele hat.
Und wenn sich das Wasser wieder kräuselt, weil der Wind zurückkommt: Dann bin ich bereit, ein Stück weiter zu segeln. Neuen Rückenwind kann ich mir im in einem Gottesdienst holen oder auch mal im Buch der Psalmen in der Bibel lesen.
Ein gesegnetes Neues Jahr 2024 wünscht Ihnen
Pfarrer Thomas Camphausen
Es war ein Mensch, der hatte immer eine kleine Handvoll Bohnen in seiner Hosentasche. Er hatte die Bohnen dabei, um so die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und sie besser zählen zu können.
Und das ging so: Jede schöne Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte - z. B. einen netten Plausch auf der Straße, ein köstliches Essen, das schöne Wetter, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weins -, für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Hosentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei.
Abends saß er dann zuhause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er nahm sich Zeit für diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes er an diesem Tag erlebt hatte und freute sich. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen - hatte es sich doch zu leben gelohnt.
Herzliche Grüße Ihr Pfarrer Thomas Camphausen
Das sind leicht verständliche Bibelworte, die jeder versteht. Du bist ein Gott, der mich sieht. Wobei wir die Zweideutigkeit spüren können: Es ist nicht immer angenehm, gesehen zu werden. Zum Beispiel, wenn ich verschwitzt im alten Trainingsanzug aus dem Fitness-Studio komme, oder es an der Tür klingelte, wenn ich verschlafen habe. Wir lehnen auch ständige Kontrolle durch Überwachungskameras ab, wie im Alltag in China.
Im ursprünglichen Zusammenhang sind es aber Hoffnungsworte. Das wünschen sich manchmal Menschen in einer ziemlich ausweglosen Situation. Du siehst mich, heißt: Du nimmst mich wahr. Du bist für mich da. Der liebevolle Blick der Mutter auf ihr Baby ist für das Kind lebensnotwendig.
Eine vertrauensvolle Zusage Gottes für das Neue Jahr: Du siehst mich, Gott, wenn es mir gut geht und ich die Tage genießen will. Du siehst mich, du nimmst mich wahr, auch wenn mir der kalte Wind des Lebens ins Gesicht bläst.
Du siehst, wo ich mich verrennen werde in diesem Jahr. Du siehst mich, wenn ich mich verstecken will oder mich drücken will vor den Herausforderungen des Lebens. Es wäre wunderbar, wenn du mich einen Ausweg erkennen ließest.
Bedingungen werden nicht gestellt. Von Gott gesehen zu werden, gilt ohne Wenn und Aber. Sein „an-sehen“ schenkt mit Ansehen. Oder wie es im Segen am Ende des Gottesdienstes heißt: „Der Herr segne und behüte dich. Er lasse leuchten sein Angesicht über dir. Der Herr erhebe sein Angesicht über dir und schenke dir seinen Frieden.“ Und deshalb stärkt es die Seele, wenn Gott mich im Blick hat. Ich kann mich darauf verlassen: Du siehst mich, auch wenn ich sonst keinen Menschen sehe – oder meine, dass mich niemand wahrnimmt.
„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Wie wäre es mit einem neuen Blick auf mein Leben, der die routinierten Seh- und Lebensgewohnheiten verändert? Ich könnte mich auf neue Wege einlassen und mein Leben aus einem ganz anderen Blickwinkel sehen. Die Aussicht an einem bislang unbekannten Ort ist möglicherweise sehr schön. Eine rosarote Brille aufzusetzen, wenn ich sonst nur Grau sehe. Gott sagt: Ich nehme dich wahr, was auch immer du in diesem Jahr wagen möchtest.
Es gibt keine Glücks- und auch keine Erfolgsgarantie. Es kann weh tun, eine neue Perspektive zu wagen. Denn Gott lässt jedem die Freiheit zu tun, was er will. Dabei hilft aber die Vorstellung, Gott wie mit einem Navigationssystem zu vergleichen. Es behält das Ziel immer im Auge. Wenn ich anders abgebogen bin, spricht es seelenruhig: „Die Route wird neu berechnet“. So verliert er mich nie aus den Augen. In Psalm 139 steht: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“
In der hebräischen und deutschen Sprache haben sehen und schauen auch mit dem Umgang mit anderen zu tun. Wen ich liebe, wird mir zum „Augenstern“ oder wie ein „Augapfel“. Auch der Respekt füreinander hat mit Jemandem „an Sehen“ zu tun. Denn, „respicere“ aus dem lateinischen, heißt „zurückschauen“. Also dem Blick eines anderen Menschen respektvoll mit dem Blick auf Augenhöhe zu begegnen. Durch das „an Sehen“ verleihe ich der Person Ansehen: Bedeutung. Wie Gott mir auch Ansehen verleiht. (Jahreslosung 1. Buch Mose, 16,13)
Ihr Pfarrer Thomas Camphausen
Wo merke ich, dass Weihnachten für mich im Alltag Wirklichkeit wird? „Weihnachten in drei Worten“ etwa? Vielleicht: Geschenke, Gefühle, Geborgenheit? Oder: Lichter, Lametta und Leckereien? Vielleicht. Zumindest fällt mir das schnell ein, wenn ich mich bei manchem Tannenbaum umblicke. Da gibt’s aber auch die Weihnachtskrippe – und wenn ich genau hinsehe, dann entdecke ich da vielleicht auch einen Engel mit einem Spruchband: „Fürchtet euch nicht!“, steht da. Für mich ist das Weihnachten. Weihnachtsbotschaft konzentriert. Weihnachten in drei Worten: Fürchtet euch nicht! - Habt keine Angst! Sagt sich leicht. Denn manche Sorgen auch in diesen Vorweihnachtstagen sind alles andere als weihnachtlich: Da ist jemand krank in der Familie, jemand anderes macht sich Sorgen ob die Rente bei den Preissteigerungen noch ausreicht. Und auch manche Nachrichten aus der Welt bieten statt Weihnachten eher Weltuntergang. So scheint es. Da muss ich aufpassen, nicht abzustumpfen. Oder mich auf der anderen Seite auch nicht in Panik versetzen zu lassen. „Habt keine Angst!“ - die Botschaft der Engel zu Weihnachten: Das klingt dann vielleicht wie das Pfeifen im Wald. Aber Angst ist immer ein schlechter Ratgeber: für „besorgte Bürger“ und für die, die Entscheidungen treffen müssen. Oder wenn ich Weichen stellen will – etwa für das neue Jahr. Wie wird das? Was wird kommen? Bleibe ich gesund? Wie entwickeln sich die Preise? Angst macht nichts besser. Lähmt. Macht hilflos. Umso wichtiger ist mir dieses Weihnachten in drei Worten: Habt keine Angst! - Fürchtet euch nicht! Ganz konkret: Ich will mich nicht von der Sorge leiten lassen, dass ich immer zu kurz komme und alle sich gegen mich verschworen haben! Ich will mir keine Angst machen lassen von denen, die von meiner Angst profitieren, weil sie damit meine Meinung im Griff haben! Ich will mir keine Angst einreden lassen, dass ich so gar nichts tun kann für mein Glück, dass ich ausgeliefert bin dem Spiel der Macht und der Mächtigen. Oder dem Bösen, der Hölle. Ich weiß, leichter gesagt als getan! Einfacher ist es, einfachen Antworten zu glauben. Aber wirkliche Lösungen bietet das Schwarz-Weiß mir ja auch nicht. Dagegen helfen mir die drei Worte von Weihnachten: „Fürchtet euch nicht!“ Ist auch nur eine kurze Antwort, hat aber eine lange Geschichte in der Menschheit. Schon seit Jahrtausenden vertrauen Menschen darauf. Und finden dort Halt und Zuversicht, wenn sie vom Kind in der Krippe hören und lesen – und sich berühren lassen: Gott wird Mensch. Das hilft mir auch, wenn es trotz all der Lichterketten ganz dunkel wird in meinem Leben. Denn dann kann ich glauben, hoffen und vertrauen, dass Gott einer von uns ist, mich nicht allein lässt, was auch kommen mag. „Fürchtet euch nicht! - denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus“ (Lukas Evangelium 2,10) Dann wird Weihnachten wahr.
Ich wünschen Ihnen und Ihrer Familie eine gesegnet Advents- und Weihnachtszeit
Ihr Pfarrer Thomas Camphausen
„Tja, da kann man nichts machen“. Das sagt mir eine Frau an der Kirchentür nach dem Gottesdienst. Sie ist Rentnerin und beobachtet seit vielen Jahrzehnten schon das Weltgeschehen. Sie kommt oft in den Gottesdienst. Die Frau ist reich an Erfahrung, nicht nur an Lebensjahren. Schon manches finstere Tal hat sie in ihrem Leben durchschritten. Jetzt sagt sie mit einem Schulterzucken: „Tja, da kann man nichts machen. So sind die Menschen. Es gibt immer Hunger und Krieg irgendwo.“ Als Kind hat sie noch die letzten Kriegsjahre miterlebt. Traurig sagt sie das, nicht zustimmend, sondern desillusioniert. In ihrer Stimme höre ich enttäuschte Hoffnung.
Irgendwie hat sie leider recht, denke ich. Die schlechten Nachrichten hören einfach nicht auf. Sie kommen gefühlt immer näher. Der Krieg, die Menschen, die vor dem Krieg fliehen müssen oder vor Hunger, vor Armut und Verfolgung. Die Klimaveränderung, sie zeigt sich immer öfter. Hinzu kommt die Angst, im Winter nicht mehr ordentlich heizen zu können, die steigenden Energiepreise nicht mehr zahlen zu können und die Lebensmittel.
„Tja, da kann man nichts machen“, sagt sie mit einem Schulterzucken. Ich kann verstehen, dass die Frau sich abfindet, dass sie lieber resigniert, als ständig zu verzweifeln. Ihr Schulterzucken scheint abzuschütteln, was unerträglich ist. Nicht die Krisen und Katastrophen, das geht ja auch gar nicht. Aber die enttäuschte Hoffnung.
Mir ist nicht wohl dabei, bei dem Schulterzucken. Die Hoffnung einfach so abschütteln? Mit einer beiläufigen Geste der Resignation? Resignation als die Traurigkeit, die zur Trägheit führt? Die Angst des Kleinglaubens, die zur Kapitulation vor der Macht des Bösen führt? An erster Stelle der Liste der sieben Todsünden des Mittelalters steht die acedia, die Traurigkeit.
Dürfen wir also nicht trauern über das, was in der Welt geschieht? Ich denke schon. Trauer hat ihren Platz. Aber zu viel davon kann das Leben beherrschen, lähmen. Sie führt zu Desinteresse. Sie macht gleichgültig und teilnahmslos. Traurigkeit schneidet ab von der Lebendigkeit, mit der Gott uns beschenkt. Verzweiflung träumt nicht mehr. Sie erwartet nichts mehr. Sie findet sich ab. Verzweiflung lässt erstarren.
Gott nahe sein, sagt Jesus, selig sein, dagegen sind jene, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit. Selig sind, die Frieden stiften. Das richtet sich gegen die Hoffnungslosigkeit: Selig sind, die noch etwas Gutes erwarten. Gott nahe sind diejenigen, die Ausschau halten nach dem, was möglich ist. Offen bleiben für die Hoffnung, die von Gott kommt.
Ich denke noch nach über Traurigkeit und Resignation. Wie soll ich auf die Worte reagieren, das Schulterzucken. Da greift die Frau, die gerade noch sagte „Tja, da kann man nichts machen“, in ihre Handtasche. Sie holt einen Schein hervor. Sie steckt ihn in die Spendendose zugunsten der Diakonie Katastrophenhilfe gleich neben der Kirchentür. Sie lächelt mir zu und verabschiedet sich.
Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Timotheus 1,7
Es regnet. Die Frau, die vor mir hergeht, spannt einen großen weißen Schirm auf. Als sie ihren Weg fortsetzt, sehe ich, dass der Schirm einen dunkelblauen Aufdruck hat. Ich versuche zu entziffern: „Unter Deinem Schirmen." Merkwürdiger Werbetext. Macht doch gar keinen Sinn. Irgent etwas stimmt da auch nicht mit der Grammatik. Außerdem fehlt die Marke. Für wessen Schirm wird denn hier geworben?
Am Abend, zu Hause, Musik im Radio. Ein Chor singt. Etwas von Bach. Aha, die Motette „Jesu, meine Freude". Und plötzlich fällt mir die Frau mit dem Schirm wieder ein. Ja, natürlich, das ist es: „Unter deinem Schirmen ...” ist ein unvollständiges Zitat aus der zweiten Strophe des Liedes „Jesu, meine Freude" (Evangelisches Gesangbuch Lied 396)
Eine Erzählung kommt mir in den Sinn. Von einer Mutter, die mit ihrem Kind betet. Einem zitternden Kind, das nicht schlafen kann, weil es Angst vor Luftangriffen hat, Luftangriffe auf die Stahlstadt Essen im Jahre 1942. Niemand kann ihm versprechen, dass es heute Nacht keine Angriffe geben wird. Aber die Mutter versucht, der kleinen Seele auf andere Weise Ruhe zu geben.
„Unter Deinem Schirmen", betet sie mit dem Kind, „bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei." „Wirklich?”, fragt das Kind. Und dann auch noch: „Kennt der liebe Gott denn die Engländer?”
Das Wort „Feinde“ aus dem Lied verbindet sich für das Kind sogleich mit dem Begriff „Engländer”.
Die Mutter hält kurz inne: „Natürlich kennt Gott auch die Engländer. Er liebt sie, wie uns. Und die englischen Kinder haben genauso Angst vor unseren Bomben wie wir vor ihren."
Dann betet sie weiter: „Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern. Mir steht Jesus bei. Ob's mit Macht gleich blitzt und kracht ...” Das Kind ist beeindruckt, wie realistisch da vom Krieg gesprochen wird. Denn das kennt es, das Blitzen und Krachen, dieses Welt-Erzittern, das einem die Kehle zuschnürt vor Angst. Es ist froh, dass das Gebet davon redet. Es fühlt sich auf einmal ernst genommen in seinem Kinderleben im Krieg.
Als die Mutter dann bei der dritten Strophe angekommen ist und mit den Worten schließt: „Gottes Macht hält mich in Acht, Erd’ und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen", da wickelt sich das Kind in diese Worte ein wie in eine Sicherheitsdecke und kann schlafen.
Es gibt Situationen im Leben, in denen kein Mensch mehr helfen kann. Sei es bei einer schweren Krankheit zum Tode. Sei es wenn jemand im Sterben liegt. Sei es, wenn ein Krieg begonnen wurde den niemand beenden kann. Dann wenden sich manche Menschen der Transzendenz zu. Sie bringen ihre Situation in eine Wirklichkeit, die über der vorfindlichen befindet. Sie entwickeln Träume, wie es anders sein kann. Sie lassen Visionen vor ihrem inneren Auge entstehen oder wenden sich an eine überirdische Instanz wie Gott. Sie suchen Trost, indem sie ihr Leiden vor Gott bringen. Sie hoffen auf ein Leben über den Tod hinaus. Sie beten zu Gott um Frieden.
Das Lied „Jesu meine Freude” ist mehr als 300 Jahre alt und bis heute Bestandteil des Evangelischen Gesangbuchs. Geschrieben hat es 1653 ein Johann Franck, Ratsherr und Bürgermeister in der Niederlausitz. Er kannte die Schrecken der Bombennächte seitdem 20. Jahrhundert nicht, er kannte die Schrecken des 30-jährigen Krieges. Und damit die Bedrohung für Leib und Leben genauso, wie wir heute. Menschen sind zu allen Zeiten und in allen Zusammenhängen auf der Suche nach Schutz und Schirm. Das fängt beim Regenschirm an und hört bei militärischen Radarschirmen noch lange nicht auf. lm Tiefsten wissen wir freilich, dass all unsere großen und kleinen Abschirmmaßnahmen vergeblich sind. Das Böse, Leiden und Tod werden wir nicht los. Und da kommt so ein Ratsherr aus der Niederlausitz oder auch ein Johann Sebastian Bach, und sie setzen sich vor unseren Augen unter den Schirm des Höchsten!
Unter dem Schirm Gottes hat Angst lösende Macht.
Gesprächsangebot: Wenn Sie während der Zeit des Krieges in Ukraine und der Corona-Erfahrungen einen Gesprächspartner suchen, wenden Sie sich an Pfarrer Camphausen für eine Terminvereinbarung: 0170 83 21 193.
Es regnet. Die Frau, die vor mir hergeht, spannt einen großen weißen Schirm auf. Als sie ihren Weg fortsetzt, sehe ich, dass der Schirm einen dunkelblauen Aufdruck hat. Ich versuche zu entziffern: „Unter Deinem Schirmen." Merkwürdiger Werbetext. Macht doch gar keinen Sinn. lrgendetwas stimmt da auch nicht mit der Grammatik. Außerdem fehlt die Marke. Für wessen Schirm wird denn hier geworben?
Am Abend, zu Hause, Musik im Radio. Ein Chor singt. Etwas von Bach. Aha, die Motette „Jesu, meine Freude". Und plötzlich fällt mir die Frau mit dem Schirm wieder ein. Ja, natürlich, das ist es: „Unter deinem Schirmen ...” ist ein unvollständiges Zitat aus der zweiten Strophe des Liedes „Jesu, meine Freude" (Evangelisches Gesangbuch Lied 396)
Eine Erzählung kommt mir in den Sinn. Von einer Mutter, die mit ihrem Kind betet. Einem zitternden Kind, das nicht schlafen kann, weil es Angst vor Luftangriffen hat, Luftangriffe auf die Stahlstadt Essen im Jahre 1942. Niemand kann ihm versprechen, dass es heute Nacht keine Angriffe geben wird. Aber die Mutter versucht, der kleinen Seele auf andere Weise Ruhe zu geben.
„Unter Deinem Schirmen", betet sie mit dem Kind, „bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei." „Wirklich?”, fragt das Kind. Und dann auch noch: „Kennt der liebe Gott denn die Engländer?”
Das Wort „Feinde“ aus dem Lied verbindet sich für das Kind sogleich mit dem Begriff „Engländer”.
Die Mutter hält kurz inne: „Natürlich kennt Gott auch die Engländer. Er liebt sie, wie uns. Und die englischen Kinder haben genauso Angst vor unseren Bomben wie wir vor ihren."
Dann betet sie weiter: „Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern. Mir steht Jesus bei. Ob's mit Macht gleich blitzt und kracht ...” Das Kind ist beeindruckt, wie realistisch da vom Krieg gesprochen wird. Denn das kennt es, das Blitzen und Krachen, dieses Welt-Erzittern, das einem die Kehle zuschnürt vor Angst. Es ist froh, dass das Gebet davon redet. Es fühlt sich auf einmal ernst genommen in seinem Kinderleben im Krieg.
Als die Mutter dann bei der dritten Strophe angekommen ist und mit den Worten schließt: „Gottes Macht hält mich in Acht, Erd’ und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen", da wickelt sich das Kind in diese Worte ein wie in eine Sicherheitsdecke und kann schlafen.
Es gibt Situationen im Leben, in denen kein Mensch mehr helfen kann. Sei es bei einer schweren Krankheit zum Tode. Sei es wenn jemand im Sterben liegt. Sei es, wenn ein Krieg begonnen wurde den niemand beenden kann. Dann wenden sich manche Menschen der Transzendenz zu. Sie bringen ihre Situation in eine Wirklichkeit, die über der vorfindlichen befindet. Sie entwickeln Träume, wie es anders sein kann. Sie lassen Visionen vor ihrem inneren Auge entstehen oder wenden sich an eine überirdische Instanz wie Gott. Sie suchen Trost, indem sie ihr Leiden vor Gott bringen. Sie hoffen auf ein Leben über den Tod hinaus. Sie beten zu Gott um Frieden.
Das Lied „Jesu meine Freude” ist mehr als 300 Jahre alt und bis heute Bestandteil des Evangelischen Gesangbuchs. Geschrieben hat es 1653 ein Johann Franck, Ratsherr und Bürgermeister in der Niederlausitz. Er kannte die Schrecken der Bombennächte seitdem 20. Jahrhundert nicht, er kannte die Schrecken des 30-jährigen Krieges. Und damit die Bedrohung für Leib und Leben genauso, wie wir heute. Menschen sind zu allen Zeiten und in allen Zusammenhängen auf der Suche nach Schutz und Schirm. Das fängt beim Regenschirm an und hört bei militärischen Radarschirmen noch lange nicht auf. lm Tiefsten wissen wir freilich, dass all unsere großen und kleinen Abschirmmaßnahmen vergeblich sind. Das Böse, Leiden und Tod werden wir nicht los. Und da kommt so ein Ratsherr aus der Niederlausitz oder auch ein Johann Sebastian Bach, und sie setzen sich vor unseren Augen unter den Schirm des Höchsten!
Unter dem Schirm Gottes hat Angst lösende Macht.
Gesprächsangebot: Wenn Sie während der Zeit des Krieges in Ukraine und der Corona-Erfahrungen einen Gesprächspartner suchen, wenden Sie sich an Pfarrer Camphausen für eine Terminvereinbarung: 0170 83 21 193.
von Pfarrer Thomas Camphausen
Grüß Gott, liebes Gemeindemitglied
Kompass
von Pfarrer Thomas Camphausen
Liebe Leserin, lieber Leser
Engel mit Kerze
von Pfarrer Thomas Camphausen
Grüß Gott, liebe Gemeindemitglieder
Korb mit Äpfeln
Wald bei Darmstadt
Liebe Leserin, lieber Leser,
Das Wort Hoffnung kommt von Hüpfen. Klingt lustig, ist aber wahr. Es hat seinen Ursprung von Hopen, also Hopsen, Hüpfen. So wie Kinder eben hüpfen. Sie tragen ihre Hoffnung im Herzen. Sie ist untrennbar verbunden mit der Freude auf das, was sie erwarten.Hoffnung als Christ ist für mich, das Vertrauen, was Gott mit dieser Welt, mit seinen Menschen und mit mir vorhat. In der Bibel sind es Bilder vom Reich Gottes, Zuspruch von Gottes Liebe und Vergebung für alle Menschen. Bilder und Worte die Menschen Hoffnung im Glauben gaben und geben. Ich ahne: es wird gut, friedlich, gerecht, erfüllt und voller Sinn, dass ich meine Hoffnung darauf setzen möchte. Hoffnungsfroh vertrauen auf Gott im Hier und Jetzt. So nennt es der Kabarettist Hans Dieter Hüsch in einem Psalm
Was macht dass ich so furchtlos bin | Was macht dass ich so unbeschwert |
Hoffnungsfroh leben im Hier und Jetzt. Das können wir uns von Kindern abschauen. Toilettenpapier-Kunstwerke zu Beginn oder jetzt die Suche nach den lustigsten Masken. Mitlachen über Witze. Kinder erzählen sie sich jetzt besonders, weil Erwachsenen momentan so ernst dreinschauen. Es ist Zerstreuung, aber auch mehr: Im Lachen und im Humor entsteht Distanz zu dem, was das Leben schwer macht. Hoffnung kommt ja von Hüpfen. Da geht's nicht darum, ob Wünsche erfüllt werden. Hoffnungsfroh - das ist Ausschau zu halten nach dem, was uns trägt und woraufhin wir leben, im Vertrauen auf Gott - und damit das Leben in diesem Moment schon zu verändern.
Bleiben Sie behütet
Herzlichst Ihr Thomas Camphausen, Pfarrer